Bereits gegen 8:45 Uhr fuhren wir mit zehn Rikschas á 3 Personen zu Bosch Ltd. Ein Rikschafahrer verpasste dabei ganz gewaltig das Ziel und fuhr auf den einige Kilometer entfernten Highway auf. Aber egal, Hauptsache, der Kunde sitzt erstmal. Ob der Fahrer das Ziel auch verstanden hat, klärt sich dann während der Fahrt.
Bosch fertigt in Indien bereits seit den 1920er Jahren. Durch Bangalores Wachstum liegt das Firmengelände mitten in der Stadt. Die Fertigungshalle selbst weist keine Dachfenster auf und verfügt über einen permanenten Überdruck, um Staub fernzuhalten. Am Standort werden u.a. Dieseleinspritzpumpen (Common-Rail sowie Reiheneinspritzpumen) gefertigt. Erstere sind in modernen Dieselfahrzeugen bei uns bereits länger Standard und setzten sich nun auch in Indien durch. Die ältere Reiheneinspritzpumpe ist sozusagen das „Brot-und-Butter-Produkt“ und wird in abgewandelter Form bereits seit 1934 hergestellt. Die Bauform der Reiheneinspritzpumpen ist abhängig von der Zylinderzahl, egal ob Lkw, Pkw oder Traktor. Das bedeutet, dass die Pumpe eines 6-Zylinder-Traktors auch problemlos in einen Diesel-Pkw mit 6 Zylindern passt. Neue Emissionsvorschriften zwingen aber auch hier zu Produktneuerungen wie der Common-Rail-Einspritzung. Hier ist die Bauform für alle Motoren gleich; die Fördermenge wird lediglich von der Länge der Leitung bestimmt.
Die Abgasnorm Euro IV ist in Indien ab 2010 gültig (also jene, die in Deutschland u.a. durch die „Abwrackprämie“ gefördert wird); bedingt dadurch wird auch hier die Umstellung auf das abgasärmere Common-Rail-Verfahren notwendig. Aber man wäre ja nicht in Indien, wenn nicht schon improvisiert geworden wäre. Die alten Modelle werden für die Stromversorgung für Mobilfunkmasten verwendet.
Auch interessant ist das Thema Geld. Fahrzeuge sind recht teuer. Ein Motorrad kostet rund 1000 Euro, ein Pkw, ähnlich einem besseren Krankenfahrstuhl, ab 7.500 Euro. Der indische Hersteller Tata möchte im nächsten Jahr ein Fahrzeug für unter 2000 Euro anbieten - Indien steht erst noch am Anfang der Massenmotorisierung, ähnlich wie Deutschland vor dem VW Käfer. Ein Bürogehalt liegt bei rund 500 Euro im Monat, ein Auszubildender verdient rund 140 Euro. Dafür sind natürlich auch die Lebenshaltungskosten extrem gering. Die Rente ist trotzdem erst zwischen 58 und 60 Jahren fällig. „Sicher“ soll diese Rente natürlich auch sein. Hat man uns ja auch schon mal erzählt. Sozialversicherungen in der uns bekannten Form gibt es nicht. Es besteht jedoch die Möglichkeit, 10% seines Gehaltes in eine Rente einzuzahlen, wobei der Arbeitgeber 10% zusätzlich dazuschießt. Das bedeutet für den Mitarbeiter aber im Gegenzug eine eventuell langjährige Bindung an den Arbeitgeber.
Die letzten 18 Jahre waren je drei Schichten sieben Tage die Woche im Einsatz, die Wirtschaftskrise hinterlässt aber auch in Indien seine Spuren, so dass bereits auf die Fünf-Tage-Woche umgestellt wurde. Die Fertigung funktioniert nach dem Prinzip des verbrauchsgesteuerten Holprinzips („Pull-Steuerung“). Der Kunde gibt den Bedarf vor (er „zieht“ die Produktion), dieser Bedarf wird vom Vertrieb erfasst. Gleichzeitig werden die Daten an die Produktion weitergereicht; für die Bereitstellung der entsprechenden Menge ist der Linienführer verantwortlich. Er legt die Bedarfsmenge in ein Fach ähnlich einem Supermarkt-Regal. Vorrangiges Element zur Steuerung sind die Kanban-Karten, die alle relevanten Daten enthalten. Die Steuerung erfolgt durch visuelle Überwachung definierter, minimaler Pufferbestände, welche an festgelegten Plätzen in der Nähe der Quelle gelagert werden.
Nach der Besichtigung der Produktion ging es in die Lehrwerkstatt. Das Ausbildungssystem wurde quasi 1:1 übernommen. Angefangen beim Berichtsheft in Normschrift über die praktische Ausbildung wie Feilen, Löten oder an der klassischen Drehbank. Es scheint also nicht alles schlecht zu sein in Deutschland.
Nach dem Mittagessen in der werkseigenen Kantine wurden wir von der Schwesterfirma „Robert Bosch Enginieering and Business Solutions“ empfangen. Es ist mit rund 5000 Mitarbeitern das größte Entwicklungszentrum von Bosch außerhalb Deutschlands. Die Schwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen Entwicklung und Simulation, Automatisierungstechnik in der Produktion sowie der Definition und Entwicklung von einheitlichen Schnittstellen in der Automobilindustrie. Neben der Zentrale in Bangalore befindet sich eine weiterer Standort in Coimbatore. Der Grund für diese „Splittung“ auf verschiedene Standorte liegt zum einen in der Wahrung der Nähe zu den wichtigsten Kunden. Aber auch geografische Gründe (weitgehende Zerstörung eines Standortes durch Erdbeben) sowie die unterschiedlichen politischen Richtungen der einzelnen indischen Bundesstaaten spielen eine Rolle.
Der Transport in das neue Hotel mitsamt den Koffern fand wieder per Rikscha statt. Die Fahrweise war wie immer abenteuerlich. Nicht umsonst ist im Führerschein auch die Blutgruppe des Fahrers vermerkt. Der Grund für die ständige Huperei der indischen Fahrer wurde uns dann auch schnell klar: Bosch kann auf einen kontinuierlichen Absatz von elektrischen Hupen bauen!
Den Abend verbrachten wir in einem Restaurant mit Blick über die Stadt. Wirklich gutes Essen gibt es bereits ab fünf Euro. Vergleichsweise teuer ist Bier. Sofern man denn welches bekommt, da viele Hotels und Läden von islamischen Inhabern geführt werden.
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Bosch war einer meiner absoluten Favoriten. Die Produktionsbesichtigung hat sehr viel Spaß gemacht und war ein wirkliches High Light während der Indienreise 2008. Schade, dass bei uns die Verbindung nach Deutschland gerissen ist und unser Blog etwas dürftig ausgefallen ist. Ich wünsche euch noch viel Spaß bei der gesamten Reise und genießt Goa!!! Das Paradies ;-)
AntwortenLöschenGruß
Patrick M.